ugat

Entwicklung meiner postmigrantischen künstlerischen Position

“Finde Deine Wurzeln!”

ugat ist Filipino für Wurzel, als Verankerung im Boden, aber auch Vene, als die Ader, die das Blut dem Herzen
zuführt.
Das Konzept der ästhetischen Forschung soll mich schrittweise autobiografisch „back to the roots“ führen, und
gleichzeitig ans Herz gehen, mich – vielleicht auch andere – berühren.

Im Oktober 2021 ist meine philippinische Mutter nach kurzer, aber schwerer Krankheit verstorben.
Ganz gleich, wie alt wir sind, der Tod der eigenen Eltern schmerzt – meist mehr, als wir erwachsenen Kinder uns vorher vorstellen können. Der Verlust eines Elternteils und letztlich beider ist eines der einschneidendsten Erlebnisse
unseres Lebens. Mit dem Tod der Eltern werden wir wieder zum Kind – und tragen gleichzeitig unsere eigene Kindheit zu Grabe.
Wir beweinen nicht nur unsere Eltern, sondern auch die vielen Erinnerungen, die nur sie mit uns teilten und die wir von nun an mit niemandem mehr auf diese Weise teilen können. Erinnerungen, die somit nur noch in uns selbst existieren.

Fragen werden aufgeworfen: Fragen nach der Kindheit, nach der Herkunft, nach der eigenen Identität. Identität ist kein feststehendes Konzept, im Gegenteil, die Identität kann sich permanent verändern, auch noch nach dem Tod einer Person, beispielsweise wenn neue Informationen auftauchen oder wenn sich gesellschaftliche Werte ändern.

„Zwischen kultureller Vielfalt und kulturellem Schock, zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein: In Deutschland begegne(te)n den sogenannten „Migrant Mamas“ und ihren Töchtern viele Herausforderungen.

Das reicht von komplizierten Behördengängen bis zum Staunen darüber, dass Deutsche ihre Eier im Garten verstecken
oder Karneval im Sitzen feiern.“

(Aus: Mama Superstar: Elf Porträts über Mut, bedingungslose Liebe und kulturelle Vielfalt. Inspirierende Lebensgeschichten: erzählt von Müttern und Töchtern. Von Melisa Manrique.)

Vollends teutonisiert?

Was hat die Gratwanderung zwischen den beiden Kulturen und Identitäten mit mir gemacht?
Bin ich Deutsche, Ausländerin oder integrierte Deutsche mit Migrationshintergrund? Welche Identität hat man, wenn
man als Kind ausländischer Elternteile in Deutschland aufwächst? Hat man eine ausländische, deutsche, beide
oder keine Identität…? Bin ich als in Deutschland geborene Deutsch-Filipina vollends teutonisiert?

Wie viel „Pinay“ steckt noch in mir? Was bedeutet das für meine Kunst? Welchen Einfluss hatten und
haben anti-asiatische Rassismuserfahrungen wie „Othering“ oder „Exotismus“ auf mein persönliches wie mein künstlerisches Selbst- und Weltbild?

Postmigrantin

„Postmigrantisch“ ist ein neues Wort für eine (nicht ganz so) neue Realität. Das Wort selbst wurde von Shermin Langhoff eingeführt, die zusammen mit Kolleg*innen in Berlin Ende der 2000er Jahre das „postmigrantische Theater“
aufbaute. Ziel war es, den neuen sozialen Realitäten, die sich in Folge der unterschiedlichen Einwanderungsbewegungen in Deutschland herausgebildet haben, einen eigenen künstlerischen Ausdruck jenseits der dominanten Narrative gelingender oder scheiternder Integration zu geben. Im Zentrum stehen Lebensgeschichten, die einerseits von eigenen bzw. familiären Einwanderungserfahrungen und Mehrfachzugehörigkeiten geprägt sind, und die andererseits im Schatten eines dominanzkulturellen Migrations- und Integrationsdiskurses stehen, der diese Erfahrungen nicht als gesellschaftliche Normalität anerkennt, sondern als fremd stigmatisiert.

Dieses ambivalente Verhältnis zur Migration als gelebte Erfahrung einerseits und diskursive Zumutung andererseits
bildet das Herzstück des Postmigrantischen.
Das Postmigrantische ist in Selbstermächtigungsprozessen der „Ausländerkinder“, wie sie lange genannt wurden, bzw. der so genannten „zweiten Generation“ seit den 1980er und 1990er Jahren verwurzelt. Es ist diese genealogische Verbindung zu einer durchaus transnationalen Sozialgeschichte individueller und kollektiver Kämpfe um Anerkennung der eigenen Existenz, um Respekt, um Teilhabe, aus dem das Postmigrantische heute seine Legitimität, Triftigkeit und Evidenz zieht.

▲ ugat – Recherchen zur Entwicklung (m)einer eigenen postmigrantischen künstlerischen Position

Mit ästhetischer Forschung autobiografisch „back to the roots“, gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

▼ ugat – Another postmigrant story

Trailer “I spy with my little eye something that is…” from the shortfilm “ugat – Another postmigrant story”

“ugat – Another postmigrant story” ist ein 15-20minütiger Kurzfilm oder auch Spoken Words mit Bewegtbild oder auch digitales Theater… Es ist inter- und transdisziplinär, bewegt sich zwischen den Welten. Erzählt wird in abstrahierten Bildern und Chiffren die Geschichte meiner Herkunft. Es ist teilbiografisch und arbeitet bewusst mit Stock Footage, um mir einen Safe Space zu eröffnen. Gleichzeitig spiele ich mit Vorurteilen, denn wir “sehen sowieso alle gleich aus… “

Es entstehen Bilderwelten und Wort-Bewegtbild-Collagen, die berühren sollen, dürfen und müssen. Ich möchte zum Dialog anregen, insbesondere aber zum Zwiegespräch mit sich selbst, zur fortwährenden und anhaltenden Selbstüberprüfung. Es gilt Alltagsrassismus zu bekämpfen, auch den eigenen.

Gefördert durch das Künstlerstipendium “Auf geht’s!” für freischaffende Künstler*Innen des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (MKW) im Rahmen der NRW-Corona-Hilfen.